
Die kühle Jahreszeit ist angekommen, die Tage werden kürzer und wir verbringen wieder mehr Zeit in unseren eigenen vier Wänden. Vielleicht hältst du in dieser Zeit auch öfter dein Fotoalbum in den Händen?
Zusammen mit einer Tasse Tee oder einem Glas Wein schwelgt man in Erinnerungen an die guten alten Zeiten- oder?!
Die Gedächtnisforschung weiß heute: Erinnerungen sind rekonstruktiv: Jedes Mal, wenn wir uns erinnern, erschaffen wir sie neu – aus Fragmenten, Emotionen und veränderten Bedeutungen.
Der Psychologe Daniel Schacter spricht von den „sieben Sünden des Gedächtnisses“ – eine davon ist die Verzerrung. Diese ist nicht unbedingt ein Fehler- sie hilft uns, das Leben als zusammenhängende Geschichte zu begreifen.
Studien zeigen, dass Menschen im Rückblick dazu neigen, Erlebnisse positiver zu bewerten, als sie im Moment erscheinen (Mitchell et al., 1997). Dieses Phänomen wird als Rosy Retrospection bezeichnet. Negatives verblasst schneller (Fading Affect Bias, Walker et al., 2003), während die emotional bedeutsamen, hellen Momente stärker im Gedächtnis verankert bleiben.
Manche Forschende bezeichnen das als eine Form der inneren Selbstregulation: Unser Gedächtnis schützt uns, indem es den Schmerz mildert und das Gute hervorhebt. So bleibt die Geschichte unseres Lebens erzählbar, was unsere Identität und Resilienz stärkt.
Und dennoch: nicht jede Erinnerung fühlt sich rosig an…
Manche Bilder im Inneren bleiben scharfkantig. Nicht jede Vergangenheit spiegelt Zartheit wider, nicht jedes Zurückblicken ist leicht.
Gerade deshalb lohnt sich ein bewusster, achtsamer Umgang mit dem, was in uns aufsteigt, wenn wir erinnern. Denn:
Erinnern ist kein Rückschritt in die Vergangenheit – es ist ein kreativer Akt der Gegenwart.
Wir können wählen, wie und wo wir hinschauen, welche Aspekte wir betonen, was wir neu verknüpfen. Aus diesen Erkenntnissen heraus entwerfe ich oft meine Kursinhalte oder Themen für das ‚Offene Atelier‘.
In diesem Fall kann ein hilfreicher Impuls sein:
Halte inne, verweile im Hier und Jetzt und kreiere dein Gegenwarts-Bild mit dem Polaroid Lift Off Prozess…

Während meiner Recherche zur Sofortbildfotografie habe ich mich an die Ausstellung ‚Polaroids‘, die ich in diesem Jahr im Museum für Fotografie in Berlin besucht habe, erinnert.
Die ausgestellten Bilder, vor allem die von Helmut Newton, haben mich durch ihre Imperfektion berührt:
Tönungen, Blässe, unretuschierte Szenen haben mich damals in die 90er Jahre zurückgeworfen, eine Zeit, in der mein Sinn für Mode, Stil und Ästhetik geprägt wurde.
Parallelen konnte ich dann heute zum japanischen Verständnis von Ästhetik ziehen. Geprägt vom Zen-Buddhismus bedeutet dort Schönheit nicht Perfektion, sondern Echtheit und Vergänglichkeit.
In dieser Haltung wurzelt auch die Teezeremonie – ein Ritual der Schlichtheit und Achtsamkeit.
Der Teemeister Sen no Riky vertrat um 1600 den Standpunkt:
„Jedes Teegerät sollte ein wenig unzureichend sein.“
Perfektion galt ihm als Mangel an Verständnis. Daraus entwickelte sich die Philosophie des Wabi-Sabi.
„Wabi“ steht dabei für Einfachheit und Stille, „Sabi“ für die würdevollen Spuren der Zeit.
Beide Begriffe verbinden sich zu einer Haltung, die Melancholie nicht scheut, sondern als einen Teil des Lebens würdigt.
Ein rissiges Gefäß, das liebevoll repariert wurde, wird schöner, weil es seine Geschichte erzählt. Ein moosüberwachsenes Dach oder ein verwitterter Holzstuhl erinnern uns daran, dass alles Werden in Wechselwirkung mit dem Vergehen steht.

Wie gelingt nun der Bogen von der Theorie zur Praxis?
Bevor das Offene Atelier startet, bitte ich meine Teilnehmer*Innen, 2–3 aktuelle Fotos mit dem Handy aufzunehmen – Bilder, die bewusst im Hier und Jetzt entstanden sind: ein Lichtmoment, eine Textur, ein Gesicht, ein kleines Detail.
Im Kurs transformieren wir die Bilder zu Polaroids, lösen im Anschluss die hauchzarte Bildschicht vom Papierträger, lassen sie
auf Wasser schweben, heben sie behutsam an und legen sie auf neuen Untergrund (Holz, Aquarellpapier oder oder oder).
Farben verschieben sich, Formen verzerren, Ränder reißen- doch es zeigt sich etwas Neues: nicht perfekt geradlinig und symmetrisch, sondern individuell, unperfekt und ganz besonders!
Im Anschluss darf das Bild- wenn gewünscht- noch nachbearbeitet, collagiert oder koloriert werden.

Fun Fact ‚Berliner Sichtbeton‘


Um die Wabi-Sabi-Haltung ein Stück besser zu begreifen und sogar ein bisschen zu erfahren, muss man übrigens gar nicht aus Berlin raus:
Viele der markanten Bauten hier bestehen aus Sichtbeton. Und genau dieser Werkstoff beruht auf demselben Gedanken wie Wabi-Sabi, der Wertschätzung des Ursprünglichen und Vergänglichen.
Ob das Bundeskanzleramt, die Akademie der Künste oder die James-Simon-Galerie, sie alle wurden bewusst mit einem Material gebaut, das Unregelmäßigkeiten, Spuren des Entstehungsprozesses und feine Unterschiede in Farbe und Struktur zeigt.
Jede Fläche ist damit ein Unikat, nicht reproduzierbar, und wird im Laufe der Jahre nicht nur Geschichten erleben, sondern sie auch selbstbewusst zur Schau stellen.
Der britische Architekt David Chipperfield, der die Berliner James-Simon-Galerie entworfen hat, beschreibt Sichtbeton als „eine Haut, die atmet“ – weil sie Alterung und Gebrauchsspuren sichtbar werden lässt.
Auch der japanische Architekt Tadao Andō ist für seine Sichtbetonbauten weltberühmt, allerdings im Gegensatz zu Chipperfield mit fast meditativer Präzision: spiegelglatte Flächen, sanftes Licht, klare Geometrien. Beiden gemeinsam ist das Prinzip:
Echtheit vor Perfektion.


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