

Orange Outing
Gleich zu Beginn muss ich mich outen: Ich hatte viele Jahre eine regelrechte Orange-Sperre.
Meine Assoziationen gingen in Richtung „öko“, mediterran, uncool, nicht Fisch-nicht-Fleisch, oder auch miefig.
Wenn ich an Marken dachte, kam mir sofort die Fluggesellschaft EasyJet in den Sinn, deren Design ich eher mit dem einer Billig-Airline verbinde (vermutlich bin ich als Lufthanseatin unbewusst ein wenig parteiisch …).
Durch meine jahrelange Arbeit mit Pantone-Postkarten hat sich dieses Bild jedoch deutlich gewandelt.
Bezeichnungen wie Sunset Orange, Tigerlilly, Saffron, Marigold oder Peach Fuzz zeigen, wie breit das Farbspektrum von Orange tatsächlich ist – und wie viele neue Farb-Beziehungen daraus entstehen können.


2024 wurde Peach Fuzz (Pantone 13-1023) zur Pantone Color of the Year gewählt.
Laut Pantone verkörpert dieser zwischen Orange und Rosé angesiedelte Ton Sanftheit, Nähe und Wärme.
Begriffe wie ‚Tenderness‘, Verbundenheit und emotionale Balance tauchen in diesem Zusammenhang immer wieder auf.
Auch im Hospitality Design wird diese Farbe sowohl mit beruhigend als auch subtil aktivierend beschrieben.
Ihre fast taktile Qualität lädt zu Berührung, Nähe, Innerlichkeit und Empathie ein.
Die Vogue wiederum beschreibt Peach Fuzz als Spiegel zentraler menschlicher Bedürfnisse in einer hektischen, digital geprägten Zeit: nach echter Nähe, innerem Frieden und einem langsameren Leben.Mit der Farbe Orange verknüpfe ich sehr unmittelbar auch den Geruchssinn.
Duftnoten von Orangenblüten und Zimt, Mango-Bodybutter, Karamell oder Ringelblume tauchen bei mir auf – aber auch weniger angenehme Assoziationen wie staubige Erde oder Abfall.Was sind deine Assoziationen mit der Farbe Orange?
Orange im fernöstlichen Raum

Vor vielen Jahren reiste ich mit meinem Mann und seiner Familie durch Laos.
Dort begegnete mir Orange – oder eher ein Safranton – an jeder Ecke: als Gewand der Mönche.
Bereits zur Zeit des historischen Buddha, im 5. Jahrhundert v. Chr., lebten Mönche bewusst besitzlos.
Sie färbten weggeworfene Stoffe und Leichentücher mit natürlichen, leicht verfügbaren Farbstoffen wie Safran, Kurkuma, Erde, Rinde oder Blättern.
Gleichzeitig entstand ein bewusster Kontrast zu den leuchtenden Statusfarben Königsblau und Purpur der Adligen.Mit der Zeit entwickelte sich daraus eine starke symbolische Bedeutung:
Orange als Farbe des Feuers – im Buddhismus Sinnbild für Reinigung, für das Verbrennen von Anhaftung und die Wandlung von Unwissen in Erkenntnis. Das weltliche Leben wird symbolisch verbrannt, um einen inneren Weg zu gehen.Interessant ist, dass sich regional unterschiedliche Orangetöne etabliert haben.
Genau hier greift die Colour-in-Context-Perspektive:
Dieselbe spirituelle Idee spiegelt sich – abhängig von Klima, Materialien und Kultur – in unterschiedlichen Farbnuancen wider.

Colour-in-Context Theory
Die Colour-in-Context Theory (CIC-Theorie) wurde von dem Psychologen Andrew J. Elliot und dem Sozialpsychologen Markus A. Maier entwickelt.
Ihre zentrale Aussage: Farben besitzen keine feste, universelle Bedeutung, sondern wirken immer nur in Verbindung mit Kontextinformationen.Die vereinfachte Formel lautet:Wirkung von Farbe = Farbe + Kontext + persönliche BedeutungDerselbe Farbreiz kann – je nach Situation – ganz unterschiedliche emotionale und motivationale Reaktionen auslösen.
Zum Kontext zählen unter anderem Licht, Materialität, kulturelle Codes und das Ziel der Handlung.Auch der Kontext lässt sich weiter fassen:Kontext = Kultur + Situation + AufgabeHinzu kommen persönliche Erfahrungen, Lernprozesse, kulturelle Prägungen und das Alter.
Anschaulicher geschrieben: Orange wirkt auf einen kleinen Berliner Jungen in einem Supermarkt am Abend völlig anders als auf eine ältere französische Dame in einer Arztpraxis am Tag- oder umgekehrt- ihr versteht bestimmt…;)
Jonauskaite, D., Mohr, C. Do we feel colours? A systematic review of 128 years of psychological research linking colours and emotions. Psychon Bull Rev 32, 1457–1486 (2025).


Sauberkeit trifft auf Sichtbarkeit
Von der großen weiten wissenschaftlichen Welt zurück in unsere kleinen aber feinen Gefilde…
Auch in diesem Newsletter möchte ich einen lokalen Bezug zur Farbe Orange herstellen – eingebettet in die Colour-in-Context Theory…
Orange gehört zu den Farben, die wir auch in der Dämmerung noch besonders gut wahrnehmen. Während Blau- und Grüntöne im schwindenden Licht schneller verblassen, bleibt Orange erstaunlich präsent, fällt auf. In der Natur in Form von reifen Früchten oder Herbstlaub. Manche Blumen und Tiere nutzen Orange, um gesehen zu werden.
Vielleicht erklärt das auch, warum diese Farbe weltweit ebenfalls dort auftaucht, wo Menschen gesehen werden müssen – auf Rettungswesten, Warnkleidung, Bojen oder bei der

Berliner Stadtreinigung…
Oft riecht man sie, noch bevor man den großen, sperrigen Wagen sieht – und das, obwohl ihre Farbe vor allem für Sichtbarkeit im öffentlichen Raum steht.
Nicht so aggressiv wie Rot, sondern funktional, präsent und aktivierend.
Die BSR braucht keine sterile Autoritätsfarbe.
Stattdessen transportiert sie – neben Müll – ein Gefühl von Präsenz, Unaufgeregtheit und seit einigen Jahren auch von Coolness.
In Zusammenarbeit mit der Berliner Kreativagentur Heymann Brandt de Gelmini ist eine Marke entstanden, die mit Humor und Wortwitz Nähe schafft – etwas, das man von einer Stadtreinigung nicht unbedingt erwartet.
Sprüche wie
„We kehr for you“
„Saturday Night Feger“
„Drei Wetter tough“
erzeugen ein Schmunzeln, schaffen emotionale Resonanz – und öffnen Wahrnehmungsräume. Hier wird mit Farbe und Sprache parallel gespielt, um Wirkung zu erzielen und damit kann ich mich voll und ganz identifizieren.


Fun Fact
Ausblick mit dem Cloud Dancer
In aktuellen Farbtrendprognosen für 2026 taucht der Ton Cloud Dancer auf – ein schwebendes, warmes Off-White.
In der Wahrnehmungsforschung gilt Weiß nie als neutral. Gerade sehr helle, wolkige Töne aktivieren unser Auge dazu, nach Formen, Übergängen und Bedeutungen zu suchen. Wir beginnen, Konturen zu ergänzen, Bilder zu sehen, Zusammenhänge zu erahnen. Vielleicht erklärt das, warum Wolken so oft als Projektionsfläche dienen – für Gedanken, Abschiede, Wünsche oder neue Ausrichtungen.

Wusstet ihr schon:
Offiziell gibt es zehn verschiedene Wolkengattungen. Sie sind international festgelegt (World Meteorological Organization) und werden nach Höhe und Form unterschieden. Dazu zählen etwa Cirrus (Federwolken – zart, faserig, fast wie Pinselstriche), Altostratus (großflächig, grau-bläulich, mit gedämpftem Licht) oder Nimbostratus (dicht, dunkel, oft mit Dauerregen).
Aus diesen Gattungen entwickeln sich zahlreiche Unterarten und Sonderformen – je nach System spricht man von über hundert unterschiedlichen Erscheinungsbildern.
Eine alte Fliegerweisheit sagt übrigens: Bei Frauen und Cirren kann man irren.
Ein Wortspiel, das heute ein wenig aus der Zeit gefallen wirkt – und dennoch zeigt, wie lange Wolken schon Projektionsfläche für Deutung, Unsicherheit aber auch Humor sind.
In meinem Dezember-Workshop arbeiteten wir ebenfalls mit Wolken: Wolkenbilder dienten als Einstieg, mit Fineliner umrandet, begleitet von der Frage, was gehen darf, was bleibt und was sich neu formt.
Wenn ich, in meinem Zweitjob, über den Wolken tanzend, mit dem Flugzeug die ‚rumpelige‘ Wolkendecke durchbreche, ist es oft dieser eine, stille Moment:
ein wohliges Gefühl – wie Ankommen.
Über den Wolken zeigt sich die Sonne in einem warmen, orangenen Licht. Trotz des tosenden Metalls entsteht ein Raum von Ruhe, Geborgenheit und Leichtigkeit.


Orange zeigt sich auch auf unserer Haut- als Orangenhaut.
80% aller Frauen bekommen Sie- früher oder später- es ist also keine Frage von ‚ob‘ oder ‚ab wann‘ die kleinen Dellen sichtbar werden. Diese wirken wie eine natürliche Schale: glatte Stellen lassen das Licht abperlen, während die Vertiefungen es anders brechen und reflektieren. Sichtbar, lebendig, individuell. Wie die Farbe Orange selbst: mal sanft, mal präsent, mal wärmend und mal aktivierend- zu dieser wertschätzenden Sichtweise habe ich übrigens fast 48 Jahre gebraucht…;)


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