Es grünt so grün…

07. April 2026 | 0 Kommentare

Wenn immer der Frühling die Knospen und Gräser aus ihrem Winterschlaf weckt, steigt meine Stimmung unweigerlich. Das liegt sicher an den höheren Temperaturen, aber nicht unwesentlich auch am Farbwechsel von Grau zu Grün.

Grün liegt im mittleren Spektrum des sichtbaren Lichts und gilt als besonders augenfreundlich. Tatsächlich kann das menschliche Auge mehr Grüntöne unterscheiden als jede andere Farbe. Der Grund liegt vermutlich in der Evolution: Für unsere Vorfahren dienten insbesondere Pflanzen als primäre Nahrungsquelle, deshalb hat sich unser Sehsystem besonders stark für Wellenlängen im grünen Bereich sensibilisiert. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum Nachtsichtgeräte in Grüntönen arbeiten — unser Auge kann hier besonders viele feine Abstufungen wahrnehmen. Ich habe mich jedenfalls schon immer gewundert, warum man bei all‘ dem technischen Fortschritt bei Restlichtverstärkern bis heute keine bunten Bilder zu sehen bekommt…;)

Im klassischen Drucksystem existiert übrigens kein eigenes Grün: Es entsteht immer erst aus einer Mischung von Blau und Gelb. Wenn man die Farbe als Metapher versteht, verkörpert Grün Beziehung, Balance und auch Wachstum. Es fungiert sozusagen als Vermittler. Es mildert das exzentrische, nach außen drängende Gelb ab und belebt im Gegenzug das konzentrische, nach innen gekehrte Blau.

Aristoteles dachte Farben als Zwischenzustände zwischen Licht und Dunkel. Grün wäre demnach ein Ort des Übergangs. Auch in Goethes Farbenlehre gilt Grün als ein „produktives Dazwischen“, das durch ein Zusammenspiel von Licht und Finsternis entsteht. Gleichzeitig postulierte er, dass Grün schnell flach wirken kann und erst durch die Kombination mit anderen Farben wirklich belebt wird.

Ich finde, das ist ein spannender Gedanke für das nächste Offene Atelier: Grün ist nicht einfach nur Naturfarbe oder Frühlingssymbol. Es ist keine Extremfarbe, wohl aber eine Farbe des Dialogs, des Prozesses und / oder des Werdens.

Auf die Jahreszeiten bezogen, ist der Frühling die jährliche Erinnerung der Natur daran, dass alles ein Ende hat — und zugleich einen neuen Anfang. Das ist übrigens auch einer der Gründe, warum Grün als Farbe der Hoffnung bezeichnet wird. In Bezug auf Stressminderung und kognitive Regeneration wirkt Grün schon allein durch die Nähe zur Natur unterstützend und nährend.

Gleichzeitig dient es zur Tarnung. Viele Tiere sehen Grün deutlich schlechter als wir Menschen, weshalb zahlreiche Insekten in grüner Umgebung nahezu vollständig verschwinden.

Besonders faszinierend finde ich Grün in der Natur im Bezug auf Moose und Flechten. Moose gehören zu den Ur-Besiedlern unserer Erde. Sie wagten als erste den Sprung aus dem Wasser an Land. Obwohl sie kein echtes Wurzelwerk besitzen, sind sie erstaunlich ausdauernd und widerstandsfähig.

Flechten wiederum haben sich nur durch ihre Kooperationsbereitschaft so lange behaupten können. Sie sind eigentümliche Wesen, Zusammenschlüsse aus Pilz und Alge, manchmal noch ergänzt durch Bakterien. Der Pilz sorgt für Schutz, Struktur und Feuchtigkeit, die Alge übernimmt die Photosynthese und liefert Energie. An dieser Stelle zeigt die Natur sehr schön, dass es nicht die eine richtige Form für ein gelingendes Leben gibt. Manche überleben als stille Einzelkämpfer, andere nur in enger Verbindung.

Auch diesen Gedanken finde ich für das Offene Atelier reizvoll: Grün steht ebenfalls für unterschiedliche Formen von Anpassung, Lebenskonzept und Beziehung.

Historisch betrachtet hat Grün eine erstaunliche Bandbreite an Bedeutungen. 

Im Mittelalter repräsentierte es Liebe und Jugend, stand aber ebenso für Unbeständigkeit. 

In der Renaissance galt Grün aufgrund seiner chemischen Instabilität als problematisches Pigment, das schnell nachdunkelte. In der Malerei war es dennoch unersetzlich — verlangte aber handwerkliches Können und auch ein gewisses Wagnis. 

Wenn ihr zukünftig durch Museen streift, werdet ihr bei vielen Gemälden dieser Zeit eine warme, bräunliche Tönung wahrnehmen – und vielleicht mit einem neuen Blick darauf schauen.

Da Vincis Mona Lisa gehört zu den bekanntesten Beispielen: Über die Jahrhunderte hat die Nachdunklung dem ursprünglich fein abgestuften Grün einen Teil seiner Leuchtkraft genommen.

Immerhin – darüber kann sie wohl weiterhin nur müde lächeln… 😉

Als bedeutender Vertreter des Expressionismus darf an dieser Stelle Wassily Kandinsky nicht fehlen. In seinem Buch Über das Geistige in der Kunst vergleicht er die Farbe Grün mit einer „fetten Kuh“, die selbstzufrieden und ruhig in ihrer Bewegungslosigkeit verharrt.

Wer bis hierhin aufmerksam gelesen hat, wird ihm vielleicht zunächst widersprechen wollen. Ich jedenfalls musste das. Für mich ist die Kuh eher ein Symbol unaufgeregter Bewegung im Sinne des Lebenskreislaufs: Sie frisst, käut wieder, frisst und scheidet aus. Das ist alles andere als Stillstand. Nebenbei sorgt sie mit ihrem Dung sogar noch für neues Leben. Wachstum und Bewegung sind also nicht zwangsläufig laut und auffällig, sondern geschehen oft ganz beiläufig — wir müssen nur achtsam genug sein, sie wahrzunehmen.

Vielleicht hat Kandinsky es allerdings im übertragenen, philosophischen Sinn gemeint: Die Ruhe und Genügsamkeit der Kuh kann kippen. Sie kann zur Trägheit werden, zur Behäbigkeit, vielleicht sogar zum Stillstand.

Für die persönliche und kreative Entwicklung könnte man sich also fragen:

Ist vollkommene Zufriedenheit genug? Oder braucht es nicht doch Reibung, um lebendig zu bleiben und sich weiterzuentwickeln?

In welchem Bereich meines Lebens bin ich eine „fette Kuh“ geworden?

Wo konsumiere ich nur noch, ohne wiederzukäuen und mir Zeit zum Verdauen zu nehmen?

Übrigens- ich bin mal wieder schwach geworden und habe dieses Mal Chat GPT um eine Bildanalyse der ‚fetten Kuh‘ meines Sohnes gebeten- hier das Ergebnis:

Diese Kuh steht da.
Nicht fett.
Nicht träge.
Sondern präsent.

Ich beschreibe dir, was ich sehe – ganz nüchtern, und doch berührt:

  • Ein klarer, kräftiger Umriss.
  • Dunkle, fast schwarze Flecken – großzügig gesetzt.
  • Ein stabiles, waagerechtes Rückgrat.
  • Vier Beine, fest auf dem Boden.
  • Ein Zaun – Struktur, Begrenzung.
  • Unten Grün. Oben viel Raum.
  • Und diese kleine grüne Spur am Maul – Gras. Leben.

Und links oben eine gelbe Sonne.
Fast schüchtern, aber da.

Diese Kuh ist nicht selbstzufrieden.
Sie ist verankert.

Was mich besonders bewegt:
Der Bildraum ist riesig. Viel Weiß. Viel Atem.
Die Kuh nimmt sich Platz – ohne ihn zu dominieren.

Das ist kein Bild von Stagnation.
Das ist ein Bild von Erdung.

Wenn ihr mich fragt- klingt nach einer gesunden Kindheit mit ausreichend Entfaltungsfreiraum…;)

Und zum Absch(l)uß:

Im 19. Jahrhundert war ein besonders leuchtendes Pigment beliebt: Smaragdgrün, auch „Paris Green“ genannt. Die Farbe galt zur damaligen Zeit als äußerst modern, war allerdings hochgradig giftig, denn sie enthielt Arsen. Mit ihr wurden Tapeten, Stoffe und sogar Kinderkleidung gefärbt, unwissentlich, was für Gefahren diese bargen. 

Napoleon Bonaparte, der das Ende seines Lebens im Exil auf St. Helena verbrachte, war vermutlich umgeben von Räumen mit solch grünen Tapeten. Eine Theorie besagt, dass sich durch das feuchte Klima arsenhaltige Bestandteile aus der Tapete lösten und ihn über längere Zeit zusätzlich schwächten. Nachweisen ließ sich nach seinem Tod jedenfalls eine auffallend hohe Arsenkonzentration.

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