Resonanz in der Kunsttherapie – Beziehung, Nachklang, Selbstreflexion

13. November 2025 | 0 Kommentare

Resonanz – kleiner Fisch im großen Becken‘ K.Betzold, 2025

Was Resonanz bedeutet

Resonanz beschreibt eine besondere Form von Beziehung.

Sie kann zwischen Menschen entstehen. Sie kann auch zwischen dir und einem Kunstwerk, einem Gegenstand oder einer Tätigkeit entstehen.

Der Soziologe Hartmut Rosa versteht darunter die Fähigkeit, sich von der Welt berühren zu lassen und darauf zu antworten. 

Resonanz entsteht, wenn etwas in dir etwas auslöst und dich innerlich bewegt.

Rosa sieht Resonanz als Gegenbewegung zu einer Gesellschaft, die auf Kontrolle und Effizienz ausgerichtet ist. Beschleunigung schafft Entfremdung. Resonanz fördert eine lebendige Beziehung zur Welt.

Er schreibt: 

„Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung“. (Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, 2016).

Resonanz als Haltung in der Therapie

Im therapeutischen Setting ist Resonanz keine Methode, sondern eine Haltung. Sie zeigt sich in der Beziehung zwischen Therapeut*in, Teilnehmenden und dem Werk. Ich lasse mich von dem berühren, was entsteht. Ich höre aktiv zu, bleibe präsent und nehme den gesamten Raum wahr. So schwinge ich mit meinem Gegenüber mit und verstehe mehr, noch bevor eine Erklärung kommt.

Horn und Rosa (2024) beschreiben Resonanz in der Psychotherapie als „dynamischen, zeitlich übergreifenden Beziehungsprozess“. 

Resonanz in meiner kunsttherapeutischen Praxis

Die Klient*innen und ich bewegen uns gemeinsam in dem Prozess. Wir reagieren aufeinander, nehmen feine Veränderungen wahr.

Dynamisch heißt dabei: Unsere Beziehung bleibt in Bewegung. Sie passt sich an das an, was im Kontakt entsteht.
Zeitlich übergreifend bedeutet in diesem Fall jedoch nicht nur, dass sich die Resonanz über viele Sitzungen aufbaut. Es bedeutet für mich, dass ich ebenfalls die Stille danach nutze. So erlebe ich oft, dass die eigentliche Arbeit weitergeht, wenn der Kurs oder die Sitzung vorbei sind. 

Dann nehme ich mir Zeit, die Werke meiner Teilnehmenden noch einmal anzuschauen. Ich spüre nach: 

Was klingt in mir nach? 

Welche Themen oder Emotionen schwingen noch? 

Welche Anteile stammen von mir, welche vom Gegenüber? 

Diese Nacharbeit ist Teil meines beruflichen Selbstverständnisses und hilft mir, das Erlebte zu verstehen und offen zu bleiben für neue Zugänge. Ich bin fest überzeugt, dass nicht nur ich davon profitiere. 

Resonanz als kreativer Abschluss aus der Praxis

Heute endete mein achtwöchiger Kurs ‚Autogenes Training mit kreativen Interventionen‘. Zum Abschluss collagierten meine Teilnehmerinnen das Cover ihres neuen Journals, das sie über die nächste Zeit begleiten soll.

Ich habe die Schnipsel-Reste aus dem Papiermüll gefischt und eigene ‚Collagen‘ erstellt- als Antwort auf den Kurs. 

Diese Bilder spiegeln wieder, was geblieben ist: Begegnung, Vertrauen, Wertschätzung, Farbe und Freiheit (in der Umsetzung).

Resonanz und das Unverfügbare

In der Resonanz steckt immer ein Moment des Unverfügbaren. Rosa schreibt: „Resonanz ist nicht herstellbar, aber wir können uns ihr öffnen“ (Unverfügbarkeit, 2018). 

Genau das prägt meine Arbeit: Ich schaffe Bedingungen, aber nicht das Ergebnis. Ich setze Impulse und bleibe offen für das, was entstehen will- was sich zeigt.

Warum Resonanz für mich als Therapeutin zentral ist

Resonanzarbeit bedeutet für mich:

Selbstreflexion. Ich achte auf meine inneren (und äußeren) Reaktionen und Anteile.

Beziehungsbewusstsein. Therapie ist immer ein gemeinsamer Schaffensprozess.

Nachhaltigkeit. Resonanz wirkt über den Moment hinaus – in mir und in den Menschen, mit denen ich arbeite.

Offenheit. Ich lasse Berührung zu, ohne Kontrolle oder Bewertung.

In Gruppen-Kursen kann es manchmal ganz schön anstrengend sein, in Resonanz zu gehen.

Es kostet Energie, aufmerksam zu bleiben und die eigenen Gefühle von denen der Teilnehmenden zu unterscheiden. Unterschiedliche Interventionen lösen dabei immer wieder verschiedene Reaktionen aus, was ich als herausfordernd erlebe.

Manchmal rufen Werke oder Geschichten auch in mir starke Reaktionen hervor.

Dann halte ich bewusst inne, atme und prüfe: Was gehört zu mir, was zu meinem Gegenüber?

Diese Arbeit ist intensiv, macht die Begegnung aber tiefer und authentischer.

Fazit: Resonanz als Kern meiner Arbeit

Resonanz bedeutet für mich, in Beziehung zu bleiben – mit Menschen, Materialien und Erfahrungen. Sie ist der Nachklang, der bleibt, wenn eine Sitzung endet.

Wenn ich aus den Resten einer Collage neue Bilder gestalte, dann antworte ich auf das, was zwischen mir und den Teilnehmenden entstanden ist und zeige gleichzeitig dem ‚zurückgelassen’ Material meine Wertschätzung. Das ist für mich Kunsttherapie im besten Sinn: eine Praxis des Zuhörens, Antwortens und Weiterklingens.

Haste Töne? Pantöne!‘ K.Betzold, 2024

Literatur
Betzold, K. (2019). Farbschattierungen in der Schwangerschaft. Berlin

Rosa, H. (2016). Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp.
Rosa, H. (2018). Unverfügbarkeit. Wien: Residenz Verlag.
Horn, S., & Rosa, H. (2024). Resonanz in der Psychotherapie. Psychotherapie-Wissenschaft, 14(1), 37–45.
Rosa, H. (2020). The Uncontrollability of the World. Cambridge: Polity Press.

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