Wie Farben unsere Wahrnehmung verändern – Summer Weibs-Bilder & Farbbeziehungen

12. Juli 2026 | 0 Kommentare

Color me up

Wie verändern Farben unsere Wahrnehmung? Diese Frage begleitet mich seit vielen Jahren – beim Arbeiten mit Collagen ebenso wie in der Kunsttherapie. Denn Farben wirken nie für sich allein, sondern immer in Beziehung zu ihrer Umgebung.


In den vergangenen Blockbeiträgen durfte jeweils eine Farbe für sich allein sprechen (zuletzt die Farben Lila, Grün und auch Orange). Ich habe sie analysiert, aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet, habe Sinn und Unsinn gesucht und gefunden – manchmal mit großer Freude wie bei Schwarz&Weiß, manchmal auch mit einem gewissen Widerstand (ich seh ROT). Nie unmöglich und nicht immer bequem.

Heute geht es ans Mischen: 

Nicht eine Farbe steht im Vordergrund, sondern ihre Beziehungen zueinander interessieren mich in diesem Beitrag. 

Denn: manchmal verändert nicht die Farbe allein ihre Wirkung – sondern die Farbe(n) daneben. 

Im Zuge der Farbrecherche fiel mir ein kleines japanisches Buch in die Hände: 

Das Dictionary of Color Combinations vol.2 von Sanzo Wada.

Erstmals erschienen in den 1930er-Jahren, versuchte Wada darin, Farben systematisch miteinander in Beziehung zu setzen. Bis heute gilt das Buch unter Fachleuten in der Mode- Design- und Textilbranche, eigentlich in sämtlichen kreativen Tätigkeitsfeldern, als Inspirationsquelle. 

Nun findet es auch in meinem kunsttherapeutischen Denkraum einen Platz. 

Aber zunächst: Wer war eigentlich Sanzo Wada und warum hat seine Arbeit bis heute einen so großen Einfluß?

Sanzo Wada wurde 1883 in Japan geboren. Bereits als Jugendlicher entschied er sich, gegen die Erwartungen seiner Eltern, Maler zu werden und zog nach Tokio, um bei dem bedeutenden Maler Kuroda Seiki in die Lehre zu gehen. Dessen westlich geprägte Ölmalerei war es dann auch, die Wada inspirierte und ihn nach seinem Abschluss und mittels eines Stipendiums nach Europa reisen ließ. Von 1907-1915 reiste er vornehmlich durch Frankreich, wo er neben der Malerei ebenfalls Kunsthandwerk, Design und westliche Farbauffassung studierte.

Wada wollte Japan jedoch keinesfalls europäisieren, sein Anliegen war es zu verstehen, wie sich die Farbwelten voneinander unterscheiden- welche unterschiedliche Farbsprache sie sprechen und vor allem: wie die Menschen Farben im Alltag erleben. Wie begegnen ihnen Farben in Kleidung, Keramik, Jahreszeiten oder in traditionellen Handwerken?

Für den japanischen Film Gate of Hell bekam er 1953 dann sogar einen Oscar und die Goldene Palme für das beste Kostümdesign.

Ich glaube, das ist unter anderem ein Aspekt, warum ich mit Wada so sehr resoniere- er denkt Farben interdisziplinär, er betrachtet sie aus verschiedenen Blickwinkeln und taucht in die unterschiedlichen Farbwelten regelrecht ab.

Seine Farb-Kombinationen waren es auch, die mich endlich mal wieder zum Collagieren gebracht haben…

In diesem handlichen Büchlein findet man schnell eine ansprechende Farbkombination, tages- oder stimmungsabhängig nehme ich mir eine Zeitschrift und begebe mich auf Farbsuche…

…neben den passenden Farben haben sich dann noch verschiedene Formen gezeigt, die sich spielerisch, ohne Auftrag in das Bild einfügen und ebenfalls für spätere Schreibinspiration sorgten!

Zunächst haben mich die vielfältigen Farbkombinationen dann weiterführend aus wissenschaftlicher Sicht interessiert: Warum wirkt welche Farbe wie neben einer anderen, was beeinflusst diese Wirkung und in welchem Mengenverhältnissen ergeben sie ein harmonisches Bild? 

Meine Recherchen führten mich zu einer interessanten ‚Farbquelle‘ der Wissenschaft: Karen Schloss und Stephen Palmer zeigten in ihrer 2011 veröffentlichten Studie ‚Aesthetic Response to Color Combinations: Preferences, Harmony, and Similarity‘, (https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1002/col.20208?utm_source=chatgpt.com), dass unser Gehirn Farbpaare unterschiedlich bewertet.

Hierbei unterscheiden sie zunächst drei verschiedene Fragen, die unser Gehirn bei der Betrachtung von Farbpaaren beantwortet:

  1. Gefällt mir die Kombination insgesamt? (Du betrachtest zwei Farben nebeneinander und fragst dich: Gefällt mir dieses Paar?
  2. Wirken die Farben harmonisch? (Beispiel: Creme + Beige = harmonisch aber vielleicht auch langweilig oder Pink + Orange = nicht unbedingt harmonisch aber vielleicht unglaublich lebendig)
  3. Wie wirkt eine Farbe vor ihrem Hintergrund? (Beispiel ganz im Sinne von Josef Albers: Durch gezielte Veränderung der Hintergrundfarbe können zwei nahezu identische Farben unterschiedlich erscheinen und andersherum)

Die Studie kam zu dem Schluss: Bisher haben viele über Farbkombinationen gesprochen und gestritten, oft aber gar nicht dasselbe gemeint. Schloss und Palmer zeigten auf, dass es auf die Fragestellung ankommt, wie eine Farbkombination ‚bewertet‘ wird. 

Oder in den Bildern Albers zu sprechen:

„Eine Farbe ist niemals nur sie selbst – sie wird immer von ihrer Nachbarfarbe verändert“

Inspiration zu Ehren Albers…

Frame Game

Wenn ich mich auf Spurensuche in meinen Zeitschriften begebe, dann gerne auch mit unterschiedlich farbigen Papprahmen- auch hier ändert die unterschiedlich kolorierte Rahmung den Kontext und die Stimmung des Bildes. 

Die Methode des ‚Framing‘ wende ich im Übrigen auch in kunsttherapeutischen Sitzungen an. Sie ist hilfreich bei Überforderung, Hemmnissen und kreativen Blockaden.

Das Wort Rahmen stammt vom althochdeutschen ram und bezeichnet ursprünglich etwas, dass umschliesst, fasst und schützt. 

Die ersten bewussten Rahmungen entstanden in der Renaissance. Angefertigt aus Holz und zumeist mit Gold verziert, verstärkten sie zum Einen die Lichtreflexion, dienten der zusätzlichen Dekoration und repräsentierten ebenfalls Reichtum und Göttlichkeit.

Im Barock steigerte sich die Bedeutung des Rahmens auf eine noch höhere Ebene, in der das Bild fast zum Nebenspieler des Rahmens wurde.

Erst die Moderne stellte den Rahmen infrage- dieser wurde nun schmaler, schlichter häufig sogar weiß.

Und dann kam der französische Künstler Marcel Duchamp (1887-1968) und stellte alles auf den Kopf:

Er löste sich radikal von der Frage ‚Welcher Rahmen passt zum Bild?‘ indem er die Frage stellte: 

Braucht Kunst überhaupt einen Rahmen?

Duchamp gab die Antwort gleich selber mit:

‚Nicht allein das Objekt macht die Kunst zu Kunst, sondern die Idee dahinter‘

Er wurde zum Vorreiter der Ready-mades, also die Neuinterpretation industriell hergestellter Alltagsgegenstände, die der Künstler in einen neuen Zusammenhang stellt und diesem auf diese Weise eine völlig neue Bedeutung gibt. Ob ein Urinal oder ein umfunktioniertes Fahrrad, diese Ausdrucksform kennt wenig Grenzen, nicht einmal vor der Mona Lisa machte Duchamp Halt. 

Er kaufte eine günstige Postkarte mit ihrem Bildnis, malte ihr einen Schnurrbart und beschriftete es anzüglich. Seine Aussage:

Auch die größten Kunstwerke sind nicht unantastbar, sie dürfen hinterfragt werden.

Marcel Duchamp L.H.O.O.Q. als Inspiration für Collagen in der Kunsttherapie
https://en.wikipedia.org/wiki/File:Marcel_Duchamp,_1919,_L.H.O.O.Q.jpg#/media/File:Marcel_Duchamp,_1919,_L.H.O.O.Q.jpg

Kleine Parallelen zu Duchamps ‚Entrückung‘ von Alltagsgegenständen ziehe ich zu meiner Collagenarbeit mit Zeitschriften. 

Ich lese kaum noch eine Zeitschrift auf die ursprünglich angedachte Art und Weise- ich beginne von hinten, vermeide das Lesen von Überschriften und lege meinen Fokus nicht auf die Gesamtkomposition, sondern auf Farbfragmente oder Teilaspekte.

Die ursprüngliche Funktion der Wissensvermittlung, der Unterhaltung und natürlich der Anpreisung von Konsumgütern wird somit unwichtig. Indem wir Zeitschriften benutzen, um Farbflächen zu extrahieren, Bilder aus dem Zusammenhang zu trennen und uns ihrer bemächtigen, verliert der Inhalt an ursprünglichem Wert und gleichzeitig bewerten wir es auf individuelle Weise neu. 

Nicht das Objekt verändert sich, aber seine Bedeutung, weil wir ihm einen neuen Kontext geben.

Und an dieser Stelle treten heute sämtliche Protagonisten dieses Newsletters in Beziehung zueinander- ob Wissenschaftler, Künstler, Entdecker oder Philosophen, sie alle sind sich einig und formulieren es mehr oder weniger einheitlich:

„Es sind die Betrachter, die Bilder entstehen lassen“

oder um in meinen Worten abzuschliessen:

„Der Wert einer Sache liegt nicht nur in ihr selbst, sondern in der Beziehung, in die wir sie setzen.“

Lebensschwäne

Jahrhundertelang galt die Existenz von schwarzen Schwänen in Europa als ausgeschlossen. Weiße Schwäne waren so selbstverständlich, dass der römische Dichter Juvenal den schwarzen Schwan zum Sinnbild für etwas machte, das es gar nicht geben könne. Das änderte sich jedoch schlagartig 1697: Der niederländische Seefahrer Willem de Vlamingh entdeckte an der Westküste Australiens zufällig schwarze Schwäne. Eine einzige Beobachtung genügte, um ein scheinbar unumstößliches Weltbild zu verändern. Der Philosoph Karl Popper griff diesen Gedanken später auf: Tausend weiße Schwäne beweisen niemals, dass alle Schwäne weiß sind – ein einziger schwarzer Schwan genügt, um diese Annahme zu widerlegen.

Schwäne wählen ihre Partner übrigens nicht allein nach dem Aussehen. Sie beobachten Haltung und Bewegungen, achten auf die Stimme und verbringen Zeit miteinander, bevor sie eine feste Bindung eingehen. Das schöne Gefieder allein entscheidet also nicht über die Wahl eines Lebens-Schwans und die Farbe hoffentlich ebenfalls nicht!

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In den folgenden Artikeln versuche ich euch- mal mehr wissenschaftlich, mal ein wenig philosophisch, poetisch, sachlich, emotional, rational auf jeden Fall immer authentisch- einen Einblick in meine Welt der Kunsttherapie zu gewähren und auf diese Weise auf deren Vielschichtigkeit und Wirksamkeit aufmerksam zu machen…

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Seit einigen Jahren recherchiere ich zu dem ducrhaus komplexen Thema ‚Farben’… zu ihrer Herkunft, Bedeutungen, kulturellen Unterschiede uvm.  

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