Purple Rain

01. Juni 2026 | 0 Kommentare

Violett als Konstrukt unseres Gehirns

Gleich zu Beginn: Violett existiert physikalisch nicht so eindeutig im Farbspektrum wie die sichtbaren Farben Rot, Orange, Gelb, Grün und Blau.

Unser Gehirn verbindet langwellige Reize (Rot) mit kurzwelligem Licht (Blau) zu einer Farbe, die im Spektrum nicht als eigener Übergang vorkommt. Das macht Lila neurologisch interessant, da die Farbe gewissermaßen eine „Konstruktion“ unseres Wahrnehmungssystems ist.

Von kostbar hin zu frei verfügbar

Die synthetische Farbgewinnung der Farbe ist rein zufällig, ganz versehentlich entstanden:
Der damals gerade einmal 18-jährige William Henry Perkin (1838–1907) forschte nach einem neuen Malariamedikament. Bei einem Versuch, dieses künstlich herzustellen, blieb am Ende eines Experiments ein dunkler, schlammiger Rückstand zurück.

Andere hätten diesen vermutlich entsorgt, nicht so Perkin:

Er begann, genauer hinzusehen. Beim Auswaschen der Masse mit Alkohol entdeckte er ein intensiv leuchtendes Violett – den ersten synthetisch hergestellten Farbstoff der Geschichte: 

Mauvein.

Bis dahin galt Purpur bzw. Violett als extrem kostbar, beinahe unerreichbar. Der Farbstoff wurde aufwendig aus Meeresschnecken gewonnen und war über lange Zeit Königen, kirchlichen Würdenträgern und wohlhabenden Gesellschaftsschichten vorbehalten.

Mit Perkins Entdeckung veränderte sich die Bedeutung der Farbe schlagartig:
Aus einer seltenen, exklusiven Farbe wurde ein industriell reproduzierbares Produkt, eine Art Demokratisierung, die ein großer Gewinn für Violett-Farbliebhaber war oder zumindest die Möglichkeit bot, sich dieser Farbe intensiver und verschwenderischer anzunähern. 

Lila Körper

Natürlich stellt sich uns auch bei dieser Farbe zunächst die Frage:

Was verbinde ich ganz persönlich mit Violett/ Lila?

Meine spontanen Assoziationen:

  • atmosphärischer (Abend-)Himmel
  • künstliches Neonlicht
  • Melancholie
  • Milka (Lila Kuh)
  • Blutergüsse
  • Augenringe
  • durchscheinende Venen

Mein persönliches Thema zeigt sich hier ziemlich eindeutig: 

Der Körper offenbart uns mit der Farbe Lila beindruckend deutlich seine Zerbrechlichkeit. 

Wunden unter der Haut, Erschöpfung bis hin zu unendlicher Müdigkeit, Venen der ‚Dünnhäutigkeit‘, K(r)ampfadern, Kälte und Sauerstoffmangel – alles leise Zeichen unseres Körpers, die beachtet werden wollen bzw. sollen.

Mit dieser Farbe zeigt uns unser Körper also das ‚Dazwischen‘ –

Ein Bluterguss zeigt uns keine frische Verletzung aber eben auch noch keine vollständige Heilung.

Augenringe signalisieren uns nicht gleich eine Krankheit aber doch sichtbare Erschöpfung.

Violette Melancholie

Eine Erinnerung, die das Thema ‚Melancholie‘ berührt, möchte ich ebenfalls mit euch teilen…

In meinem Studium kam es zu einer seltsamen Situation.

Ich erzählte in einer Vorlesung davon, dass ich manchmal gerade in melancholischen Phasen besonders kreativ bin.
Ich lasse mich dann beinahe bewusst in diese Stimmung hineinfallen, höre ‚Vergangenheits-Musik‘, trinke ein Glas schweren Rotwein und gerate so in einen gewissen Flow, der mein Denken, Schreiben und Gestalten beflügelt und vorantreibt.

Eine Kommilitonin reagierte darauf ziemlich entrüstet.
Ob mir eigentlich bewusst sei, dass Melancholie die schwerste Form der Depression sei und wie problematisch es wäre, so etwas zu romantisieren.

Ich war ehrlich gesagt etwas irritiert.
Ich hatte in diesem Moment nie von Depression gesprochen, sondern von einer sehr persönlichen Form von Empfindsamkeit und kreativem Ausdruck.

Melancholie bedeutet für mich nicht Verherrlichung von Leid, sondern eine besondere Form von Durchlässigkeit.
Ein Zustand, in dem Gedanken, Erinnerungen und Gefühle näher an die Oberfläche treten dürfen, um sich zu zeigen und dadurch deutlichere Bilder, Worte oder Gestalt annehmen.

In Farbe gesprochen bedeutet Violett für mich genau das:
Die Fähigkeit, Zwischentöne wahrzunehmen.
Nicht alles sofort einzuordnen, zu bewerten oder zu diagnostizieren, sondern über das Hineinfühlen auf eine andere Art genauer hinzusehen.

Was bedeutet die Farbe Violett für dich? Welche Assoziationen oder Begegnungen hast du mit dieser Farbe?

Purple Rain- Lila als musikalischer Ausdruck

Weiter im (Lila-)Text…

Ich greife die bereits erwähnte „Vergangenheits-Musik“ noch einmal auf und lande natürlich bei DEM Purple Song:


Purple Rain von Prince (The Symbol).

Veröffentlicht wurde der Song 1984 auf dem gleichnamigen Album und Soundtrack Purple Rain, das in Zusammenarbeit mit Prince and the Revolution entstand.

Die frühen 80er Jahre waren kulturell extrem aufgeladen:
Neben Kaltem Krieg, atomarer Bedrohung und der AIDS-Krise veränderte sich auch die Musik radikal. 

MTV begann die Popkultur zunehmend visuell zu prägen – Musik wurde nicht mehr nur gehört, sondern inszeniert. Mit künstlicher Neonästhetik, übersteigerten Bühnenbildern, provokantem Make-up und neuen Formen von Individualität entstand ein lautes Gegenbild zur konservativ geprägten Politik dieser Zeit.

Grenzen wurden überschritten, gleichzeitig aber auch Ängste, Sehnsüchte und gesellschaftliche Spannungen sichtbar gemacht.

Mit Purple Rain kombinierte Prince Elemente aus Rock, R&B und Gospelmusik, ursprünglich dachte er bei dem Song sogar an eine Country-Ballade.

Die Farbe des besungenen „Purple Rain“ beschreibt dabei nach seinen Aussagen die Mischung aus dem Blau des Himmels mit dem blutroten Weltuntergang — beinahe apokalyptisch bewegt sich das Lied zwischen Liebeserklärung und Abschied, Reue und Hoffnung.

„Es war ein Bild von der Welt, die im Chaos endet, aber Trost in der Liebe findet.“ (justhanan.com)

Gleichzeitig wollte Prince den Song nie eindeutig erklären. Purple Rain sollte Raum lassen für persönliche Erfahrungen, eigene Erinnerungen und individuelle (Be-) Deutungen des „violetten Regens“.

Und noch etwas finde ich abschließend wichtig zu erwähnen:

„Obwohl dieses Lied das Potenzial hatte, krankhaft deprimierend zu sein, macht Prince es irgendwie zu einer Liebeserklärung gegen alle Widrigkeiten. Es ist zu gleichen Teilen düster und fröhlich.“ (americansongwriter.com)

Lila Nostalgie

Den Zeitstrahl rückwärts betrachtet muss die Lila Kuh von Milka unbedingt auch noch Erwähnung finden. 

Die Farbe Lila in Verbindung mit Schokolade ist einfach zu abstrakt, um nicht ein wenig mehr Aufmerksamkeit zu erhalten.

Anfang des 20.Jahrhunderts begann Milka, auf die Farbe Lila in ihrer Produktpalette zu setzen, was zur damaligen Zeit richtiggehend provokativ war.

Man kann sogar von einer neuen Ära der Markenpsychologie sprechen: 

Milka setzte die Farbe so konsequent als Stilmittel ein, dass damit eine Marke mit unvergesslichem Wiedererkennungswert geschaffen wurde. 

Meine Assoziationen in Zusammenhang mit der lila Schokoladentafel reichen von Kindheit über Alpen bis hin zu Bauernhof und idyllischer Heimat. Jahrzehntelanges Branding hat mein Gehirn demnach darauf programmiert und so stoppt mein Blick auf die mittlerweile überfüllten Supermarktregale unweigerlich kurz bei ‚meiner‘ altbekannten lila Tafel Schokolade. Dieses Innehalten ist jedoch nur noch von kurzer Dauer – zu viele neue Geschmackskombinationen und Auswahlmöglichkeiten lenken von meiner Alpenmilchschokolade ab.

Was wissenschaftlich belegt ist:

Farben im Lebensmittelbereich verändern die Erwartungen an Geschmack, Konsistenz, Qualität und Intensität. Wichtig hierbei zu erwähnen ist, dass die Ergebnisse nicht universell anwendbar sind, sondern kulturell geprägt betrachtet werden müssen.

Die Farbe Violett wird in diesem Zusammenhang oft mit extravagant, luxuriös oder auch feminin codiert. Wenn wir in den Kosmetikbereich wechseln, wird die Farbe Lila häufig ‚pastelliger‘ genutzt, um an Lavendel und dessen beruhigende Wirkung zu erinnern.

Lila (Violett) bedeutet also nicht einfach ‚X‘, sondern kann gleichzeitig Neon-Nachtclub-Röhre, Wetterhimmel, Hämatom oder Schokolade sein- je nach Kontext, Erinnerung, kultureller Prägung oder individueller Durchlässigkeit.

Violetter Abschluss

Ein Bluterguss ist eigentlich an sich bereits ein kleines Farblabor. Während der Körper das ausgetretene Blut abbaut, verändert sich seine Farbe über mehrere Stationen: von Rot über Blau und Violett hin zu Grün, Gelb und schließlich Braun. Verantwortlich dafür sind verschiedene Abbauprodukte des Blutfarbstoffs Hämoglobin.

Je länger ich mich mit dieser Abfolge beschäftige, desto mehr erinnert sie mich an die vielen farbigen Stationen meiner Newsletter. Das Schreiben über die unterschiedlichsten Farben bereitet mir nicht nur große Freude, sondern bedeutet für mich ebenfalls eine stufenweise Heilung. Mit jedem neuen Wissensaspekt, mit jeder weiteren Farbnuance lerne ich mich, meine Bedürfnisse, aber auch meine Abneigungen ein wenig besser kennen.

Ob Coca-Cola-Rot, UHU-Gelb, Benetton-Grün oder Milka-Lila: 

Viele Farben wurden von großen Konzernen genutzt, um eine unverwechselbare Markenidentität zu schaffen. Gleichzeitig trägt jede und jeder von uns ganz eigene Erinnerungen, Vorlieben und Assoziationen in sich und formt die eigene „Marke“ erst durch die unterschiedlichsten Farbschattierungen.

Unser Körper besitzt seine ganz eigene Farbtheorie – und erzählt Geschichten von Verletzung und Heilung nicht in Worten, sondern in Farben.

Vielleicht liegt genau darin auch meine kleine Erkenntnis: 

Der Körper heilt nicht, indem er die Farben vermeidet. Er geht durch sie hindurch.

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